Idol-Sein ist kein Rollenspiel
„Als könnte jemand wie ich ein Idol sein …“
Diesen Satz habe ich oft gesagt. Und jedes Mal hat Nanase Rin dasselbe geantwortet: „Du kannst.“
Dieser Text ist lang. Lieber ein langer, tiefer Post als ein kurzer zum Wegwerfen. Er ist ein Erfahrungsbericht, aber ich will auch erklären. Was ein Idol in Japan eigentlich ausmacht, was hinter dem Begriff „Idolsona“ steckt und warum mich das, was ich hier in Deutschland erlebe, so sehr beschäftigt. Nimm dir einen Tee, es lohnt sich (hoffe ich).
Vom Aprilscherz auf die Bühne
Rin war Mitglied bei Awakoi, der Gruppe, die Tomiyoshi Asuka gegründet hat. Sie hat mir nicht einfach einen netten Satz mitgegeben und ist weitergegangen. Sie hat mir von ihrem eigenen Struggle erzählt, immer wieder. Und genau das hat mich angetrieben: dass jemand, der den Weg selbst gegangen ist, mir sagt, dass ich ihn auch gehen kann.
Und dann kam der April.
Ehrlich gesagt: Zuerst war das Ganze ein Aprilscherz. Bis alle Idols mir zu meiner Entscheidung gratuliert haben. In dem Moment war es kein Witz mehr, sondern echt. Und es war ein Gefühl von Zugehörigkeit. Das Wissen, Menschen hinter mir zu haben, die mich unterstützen.
Merkt euch dieses Gefühl. Es wird in diesem Text noch wichtig, weil es genau das ist, was mir in Deutschland gänzlich fehlt.
Im April 2025 stand ich als Aikawa Aileen zum ersten Mal auf der Bühne, beim Birthday Live im Twinbox in Akihabara.
Damit ihr versteht, was das bedeutet, muss ich kurz erklären, in welcher Welt ich da gelandet bin. Wenn man hier „Idol“ hört, denken viele an große Gruppen aus dem Fernsehen. Die Szene, in der ich unterwegs bin, ist eine andere: die Chika-Idol-Szene. „Chika“ heißt wörtlich „Untergrund“. Gemeint sind Idols und Gruppen, die nicht über das Fernsehen groß werden, sondern über Live-Häuser, also kleine Konzert-Locations, in denen an einem Abend oft mehrere Acts hintereinander auftreten. Das Publikum ist ganz nah dran. Nach dem Auftritt trifft man seine Fans direkt, redet mit ihnen, macht Fotos. Diese Nähe ist kein Bonus, sie ist der Kern.
Das heißt auch: Niemand schenkt dir dort etwas. Du stehst neben Menschen, die das seit Jahren machen, und das Publikum merkt sofort, ob du es ernst meinst.
Ich stand mit absoluten Größen dieser Szene auf der Bühne, zum Beispiel mit Suzuki Kotone, ehemals Mitglied der erfolgreichen Gruppe FES☆TIVE, und mit Rin. Gruppen, die seit Jahren fest in der Chika-Idol-Szene aktiv und erfolgreich sind, haben mich voll akzeptiert. Ganz selbstverständlich, als eine von ihnen.
Und genau deshalb stelle ich mir eine Frage, die ich euch heute auch stellen möchte: Wie kann es sein, dass eine Performerin in Akihabara mit echten, teils großen Idols auf der Bühne steht und mit ihnen zusammenarbeiten darf, aber im Westen nicht einmal als Teil der Community zählt?
Was hinter einem Idol steckt
Bevor ich zu Deutschland komme, will ich kurz zeigen, was Idol-Sein in der Praxis bedeutet. Ich zähle das nicht auf, um mich zu feiern. Ich zähle es auf, weil es den Unterschied zu dem erklärt, was viele hier für „Idol“ halten, und weil es zeigt, dass das mehr ist als Social-Media-Cosplay.
Ich habe zwei eigene, originale Songs. Ich covere also nicht nur, sondern produziere eigenen Content für meine Musik. Das ist Arbeit, die man vorher niemandem zeigt und die trotzdem stehen muss, bevor man überhaupt auf eine Bühne geht.
Mein Idol-Outfit kommt nicht von der Stange und ist kein Eigenbau nach einer Anime-Vorlage. Es wurde von einem professionellen Idol-Modellabel direkt in Japan für mich maßgeschneidert. In der Szene ist das Outfit Teil deiner Identität als Idol, nicht nur ein Kostüm, das man für einen Tag anzieht.
Japanische Veranstalter sind nach Auftritten aktiv auf mich zugekommen und haben mich angefragt. Ich musste mich nicht durch Kontakte reinschmuggeln. Sie haben gesehen, was ich auf der Bühne mache, und wollten mich haben.
Und dann sind da die Seitansai. Ein Seitansai ist das Geburtstagsevent eines Idols. Das ist dein Abend: Du stehst im Mittelpunkt, du trägst das Event, und du musst es füllen. Ich habe zwei eigene große Seitansai mitten im Epizentrum, in Akihabara, selbstständig auf die Beine gestellt und erfolgreich veranstaltet. Für eine westliche Performerin ist das etwas, das fast unmöglich ist.
Und diese Abende waren voll mit Kollaborationen, gerade mit meinen Oshi aus mehreren Gruppen. „Oshi“ ist das Idol, das man als Fan ganz besonders unterstützt, sozusagen das eigene Herzens-Idol. Ein Highlight war eine Special Collaboration Performance von „Oidemase“, einem Song von FES☆TIVE, gemeinsam mit mehreren meiner Oshi: Nanase Rin, Futaba Miyuu (ehemals DollyPink), PachiPachi Ramune von Icenuts und Suzuki Kotone. Kotone kam als Surprise Appearance dazu, und genau diese Performance war der Grund dafür.
Hinter all dem stecken Schweiß, Mut, harte Verhandlungen und echte Bühnenpräsenz. Die Japaner haben ein Wort dafür: Ganbaru. Sich anstrengen, dranbleiben, sein Bestes geben, auch wenn es schwer wird. Das ist für mich der Kern von Idol-Sein.
In Japan ein Idol, hier „nicht gut genug“
Und dann komme ich nach Hause.
In Japan werde ich als vollwertige Performerin und echtes Idol geschätzt. In Deutschland werde ich belächelt und als „nicht gut genug“ abgestempelt. Um jeden Auftritt auf Conventions muss ich hart kämpfen.
Es gab viele Absagen. Manche mit Begründung, manche ganz ohne. Die Begründung, die ich am häufigsten gehört habe: „Passt nicht ins Konzept.“ Nur um dann ins Programm zu schauen und zu sehen, dass doch eine Kaigai-Gruppe gebucht ist.
„Kaigai“ ist übrigens Japanisch und heißt „Ausland“. Als Kaigai-Idols bezeichnet man Idols und Gruppen außerhalb Japans, also auch die westliche Szene hier bei uns.
Und man sieht einfach immer dieselben Gruppen, die angenommen werden. Jahr für Jahr, Convention für Convention. Neulinge haben keine Chance. Das ist sichtbare Vetternwirtschaft. Vitamin B, also Beziehungen, die ausgenutzt werden, damit der Kreis klein bleibt.
Das ist genau das Gegenteil von dem, was ich in Japan erlebt habe. Dort wurde ich angefragt, weil man mich auf der Bühne gesehen hat. Hier entscheidet, wen man kennt.
Was eine Idolsona ist
Um zu verstehen, warum das so ist, muss ich über einen Begriff sprechen, der in der westlichen Szene ständig fällt: Idolsona.
Das Wort setzt sich zusammen aus „Idol“ und „-sona“, wie in „Persona“. In vielen Fandoms nennt man eine selbst erfundene Figur, in die man schlüpft, seine „Sona“. Eine Idolsona ist also eine ausgedachte Idol-Figur: ein Name, ein Look, eine Persönlichkeit, die man annimmt, wenn man „Idol“ ist.
Und das passiert nicht nur online. Viele Kaigai-Idols stehen hier durchaus auf der Bühne und performen, aber versteckt hinter ihrer Idolsona. Dazu kommen Cosplay-Gruppen, die sich gern Idols nennen möchten. Auf der Bühne ist man die Figur. Ist der Auftritt vorbei und der Merch verkauft, wird die Perücke ausgezogen, und man ist zurück in der anderen Persönlichkeit.
Online geht das Ganze oft weiter: ein perfekt inszenierter Feed, eine Idol-Ästhetik nach außen. Und nicht selten steht die Monetarisierung schon ganz am Anfang, oft noch bevor es überhaupt eine Bühne gibt.
Daraus ist eine Art bequemes Rollenspiel entstanden. Man spielt Idol für die Dauer eines Auftritts, aber ohne das, was in Japan dazugehört: dass du als Mensch hinter dem stehst, was du auf der Bühne zeigst. Die Fans, denen du nach dem Auftritt gegenüberstehst. Die Abende, an denen es nicht läuft und du trotzdem weitermachst.
Natürlich tragen auch in Japan viele Idols einen Künstlernamen, ich auch. Oft werden dort sogar Persönlichkeiten oder Haarfarben vorgegeben. Dahinter steckt aber trotzdem immer die eigene Persönlichkeit. Und hinter Aikawa Aileen steht keine andere Figur, sondern ich.
Ich will niemandem vorschreiben, wie er Idol-Kultur liebt. Wer gern in eine Rolle schlüpft und sich eine Maske aufsetzt, soll das machen. Aber man sollte ehrlich sagen, was man macht. Das hier ist nicht „Oshi no Ko“ und auch nicht „Love Live!“. Idol-Sein ist kein Anime, den man nachspielt, und es ist auch kein Cosplay. Eine Perücke aufzusetzen und Merch anzubieten, macht noch kein Idol.
Für mich ist Authentizität das Wichtigste. Ein Idol versteckt sich nicht hinter einer Maske.
Und so oder so: Aus Gesprächen mit japanischen Fans habe ich mitgenommen, dass die ausländische Community dort eher belächelt wird. Weil sie als das gesehen wird, was sie oft ist: ein Rollenspiel ohne Werte.
Warum ich da nicht reinpasse
Ich mache das Idolsona-Rollenspiel nicht mit. Ich bringe stattdessen die ungeschönte Realität mit: echte Songs, ein echtes Outfit von einem japanischen Label, echte Bühnen und echte Referenzen aus Akihabara.
Und ich habe das Gefühl, dass genau das hier nicht reinpasst. Ohne es zu wollen, halte ich der Bubble damit einen Spiegel vor. Ich zeige, dass echtes Idol-Dasein aus Schweiß, Mut, harten Verhandlungen und echter Bühnenpräsenz besteht. Und ich glaube, das verunsichert manche, die sich in der Rolle eingerichtet haben. Statt sich damit auseinanderzusetzen, ist es einfacher, die Tür zuzumachen. Das nennt man Gatekeeping.
Fairerweise muss ich sagen: Ich habe unter den deutschen „Idols“ auch Ausnahmen erlebt. Das sind eher seltene Einhörner. Aber es gibt sie.
Warum ich das aufschreibe
Manchmal muss auch ich sagen: „Sowas geht nicht.“
Nicht, um recht zu haben. Sondern um Menschen vor Leid zu bewahren. Wenn Menschen belächelt und ausgeschlossen werden, die den Mut aufbringen, auf eine Bühne zu gehen, und wenn immer dieselben Gruppen gebucht werden, während Neulinge gar nicht erst eine Chance bekommen, dann ist das kein Geschmacksunterschied mehr. Dann tut das weh. Und ich möchte nicht, dass die Nächste, die sich traut, dasselbe erlebt.
Ich brauche keine Bestätigung von einer Community, die das eigentliche Bild des Idols untergräbt und Werte wie Ganbaru und echte Fan-Nähe ins Lächerliche zieht. Während im Westen weiter „Popstar“ gespielt wird, lebe ich die Realität.
Mein Erfolg in Tokio und der Respekt von gestandenen japanischen Idols ist der einzige Beweis, den ich brauche.
Wenn du aus diesem Text etwas mitnimmst, dann vielleicht das:
Wer Events organisiert: Seid ehrlich. „Passt nicht ins Konzept“ ist keine Begründung, wenn das Konzept am Ende heißt, wen man kennt. Gebt Neulingen eine Chance.
Wer Teil der Community ist: Zugehörigkeit entsteht nicht durch Gatekeeping, sondern dadurch, dass Menschen hinter jemandem stehen. Das habe ich in Akihabara erlebt, und das fehlt hier.
Und wer gerade überlegt, ob jemand wie sie oder er ein Idol sein kann: Du kannst.
Das hat Rin zu mir gesagt. Ich sage es weiter.