Ein Jahr später und ich bin noch hier
Content Warnung: Depression, Suizidalität
Vor einem Jahr habe ich euch an dieser Stelle etwas anvertraut, das ich lange niemandem erzählt hatte. Dass ich in meinem Leben mehrmals an dem Punkt war, an dem ich keinen Ausweg mehr gesehen habe. Heute ist wieder Welttag der Suizidprävention, ein Jahr ist vergangen, und bevor ich irgendetwas anderes schreibe, möchte ich das Wichtigste zuerst sagen: Ich bin immer noch da.
Das klingt vielleicht klein. Für mich ist es das nicht.
Ich will auch dieses Jahr ehrlich sein, so wie damals. Denn wenn ich nur die schönen Teile zeige, hilft das niemandem, der gerade im Dunkeln sitzt und denkt, er sei der Einzige. Also: Auch in diesem Jahr gab es zwei Momente, in denen ich einen Schlussstrich ziehen wollte. Einer davon ist noch gar nicht lange her.
Der erste kam nach einer großen Zurückweisung. Durch einen Menschen, der mir sehr wichtig war. Der zweite kam an einem meiner tiefsten Punkte, als man mich im Stich gelassen hat, als niemand meinen Schmerz gesehen hat. Mehr Details braucht es hier nicht. Wichtig ist nur, dass ich sie überstanden habe, auch wenn es sich in dem Moment nicht so angefühlt hat, als würde ich das schaffen.
Das Schwierige an dem, was mich runterzieht, ist, dass man es von außen nicht sieht. Da ist der tägliche Hass im Internet, ungefiltert, jeden Tag ein bisschen mehr. Irgendwann fängt man an, die Masse für die Wahrheit zu halten. Man hört so oft, dass man falsch ist, dass eine leise Stimme im Kopf anfängt zuzustimmen. Da ist das Gefühl, in meiner Transition stillzustehen. Auf einem Weg, der so wichtig für mich ist, einfach nicht voranzukommen, während die Zeit läuft. Und da ist diese Erschöpfung, die keiner mitbekommt, weil man ja funktioniert, weil man ja lächelt, weil man ja „stark" wirkt.
Und dann ist da die Maske. Die, die man aufsetzt, damit niemand sieht, wie es wirklich aussieht. Man lächelt, damit sich keiner Sorgen macht. Auf die Frage „Wie geht's dir?" ist „Mir geht's super" so viel einfacher als die Wahrheit. Denn die Wahrheit wäre eine lange Erklärung, warum es einem gerade nicht gut geht, und man denkt: Wer will das schon hören? Die Person hat doch eigentlich eine andere Frage, ein anderes Anliegen, das eh Priorität hat. Also lächelt man und sagt, dass alles gut ist. Es ist einfacher. Und es ist gleichzeitig genau das, was einen so unsichtbar macht.
Das alles ist Futter für eine Depression, die man niemandem ansieht.
Und trotzdem, und das ist der eigentliche Grund, warum ich diesen Text schreibe: Es gab so vieles, das mich gehalten hat.
Da war das Ziel, zu zeigen, was in mir steckt. Vor einem Jahr war das noch ein Wunsch, den ich mir kaum zu denken getraut habe. Heute kann ich zurückschauen und sehen, was ich als Idol in diesem einen Jahr tatsächlich erreicht habe. An dunklen Tagen war genau das manchmal der einzige Grund, morgens aufzustehen. Zu sehen, wohin dieser Weg noch geht.
Da waren Menschen, die an mich geglaubt haben, als ich es selbst nicht konnte. Mit-Idols, die ihre eigenen Kämpfe kämpfen und mir trotzdem ein Stück Spiegel gegeben haben. Die mir gezeigt haben, dass ich nicht allein bin mit dem, was ich fühle.
Da war das Cosplay. Mich wieder darin verlieren zu können, in eine Rolle zu schlüpfen, wo die Welt für eine Weile eine ganz andere ist. Für ein paar Stunden nicht ich mit all dem Gewicht zu sein, sondern jemand anderes, in einer Geschichte, die gut ausgeht. Das klingt vielleicht albern. Für mich war es Rettung in kleinen Dosen.
Und dann waren es oft die ganz kleinen Dinge von anderen Menschen, die mich im Hier und Jetzt gehalten haben. Irgendwohin eingeladen zu werden. Zu merken, dass ich nicht egal bin. Dass meine Meinung zählt, dass jemand sie hören will. Integriert zu sein statt außen vor. Nichts davon war groß oder dramatisch. Aber genau diese kleinen Zeichen haben mich mehr als einmal in der Gegenwart gehalten, an einem Punkt, an dem ich sonst weggerutscht wäre.
Das ist es, was ich dieses Jahr am meisten mitgeben möchte, an alle, die das hier lesen und diese Gedanken kennen: Manchmal schafft man es nicht allein. Und man muss es auch nicht. Hilfe anzunehmen ist kein Aufgeben und kein Zeichen von Schwäche, es ist Mut. Diese Hilfe sind oft die Menschen um uns herum, und manchmal sind es Menschen, die gar nicht merken, dass sie einen gerade auffangen. Und wenn sich in einem Moment niemand findet, dann ist da die Telefonseelsorge, Tag und Nacht, ohne dass du auch nur deinen Namen sagen musst.
Und weil das in beide Richtungen geht: Vielleicht bist du gerade der Mensch, der jemand anderen mit einer kleinen Geste hält. Frag nach. Lade jemanden ein. Sag jemandem, dass seine Meinung dir wichtig ist. Du weißt nie, wer gerade genau das braucht, um heute noch hier zu bleiben.
Ich will euch nichts vormachen. Ich sitze auch jetzt noch überwiegend im Dunkeln und hoffe, dass das Licht bald wieder den Raum füllt. Manche Tage sind okay, manche sind es nicht. Aber heute ist einer der okayen, und deshalb schreibe ich das gerade jetzt. Ich habe gekämpft, und ich kämpfe noch. Ich bin noch hier.
Und das kannst du auch sein.
📞 Telefonseelsorge Kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar: 0800 111 0 111 0800 111 0 222
Du bist nicht allein. 🩷